DFS Seeadler
(Source: Der Deutsche Sportflieger Februari 1936)

Leistungs-Segelflugboot D-Seeadler

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Bei der Konstruktion dieses Segelflugzeugmusters ging das DFS von dem Gedanken aus, ein Flugzeug zu schaffen, das 1. auf Wasser and Land starten and landen and 2. so leistungsf3hig ist, daß es fur Thermik- and Strecken-Segelflüge eingesetzt werden kann. Durch diese Aufgabenstellung ist das Flugzeug nicht nur rein ftir Wassersegelflugbetrieb verwendbar, sondern kann auch im Hang- and Platzbetrieb eingesetzt werden. So wird dieses Flugzeugmuster neben dem reinen Forschungszweck auch Interesse bei solchen Segelfluggruppen finden, die keinen geeigneten Flugplatz, aber einen großeren See in der Nähe haben, oder an brandungsfreien Steilküsten, wo Start and Landung auf dem Wasser, der Segelflug selbst im Gebirgs- and thermischen Aufwind über Land durchgeführt wird, eingesetzt werden können,
Der Gedanke des Segelflugbootes ist so alt, wie die Segelfliegerei selbst, jedoch konnte keiner der vorliegenden Entwürfe für die Konstruktion des Leistungsflugbootes als Grundlage dienen, da die Forderung an Seetüchtigkeit meistens auf Kosten der Leistungsfähigkeit ging, oder andererseits Segelflugzeuge behelfsmäßig fur die Wassertüchtigkeit ausgerüstet wurden, so daß schon bei geringem Wellengang die Zelle gefährdet wurde. Der Entwurf eines Segelflugbootes wird immer ein Kompromiß bleiben, da die Forderung auf Seetüchtigkeit nur schwer mit den Forderungen auf geringsten Widerstand in Einklang gebracht werden kann. Aus einer großen Reihe von Entwürfen ergab sich der ausgeführte als der günstigste. Als Lösungen kamen in Frage: ganz schmales Boot mit großen Stützschwimmern, Boot mit Dornierstummeln and breiteres Boot mit kleinen Stützschwimmern. Das erstere wurde aus Gründen der Seetüchtigkeit and der auftretenden Flügelbeanspruchungen durch die groBen Stützschwimmer nicht ausgeführt, Stummel sind wegen der nahen Lage von Flügel zu Stummel aerodynamisch ungünstig. Aerodynamisch and such in bezug auf die Seetauglichkeit erschien der ausgeführte Entwurf am günstigsten. Als Flügel wurden im Entwurf die Rhönadler-Flächen zugrunde gelegt, die sich fur diesen Zweck besonders gut eigneten. Durch die Spannweite war eine Mindestentfernung des Außenflugels über der Wasseroberfläche bedingt, um ein Unterschneiden derselben bei Dünung oder Seegang zu verhindern. Die so angeordnete Fläche hätte aber einen sehr hohen Rumpf and eine hohe Lage des
Gewichtsschwerpunktes des Flugzeuges ergeben. Die Flächen wurden mit einem sehr starken Knick versehen, so daß auf der einen Seite eine wesentliche Verkleinerung des Rumpfquerschnittes and auf der anderen Seite eine erhebliche Senkung des Gewichtsschwerpunktes erreicht wurde, womit bei gleicher Rumpfbreite außer der Widerstaudsverminderung die Querstabilität auf dem Wasser erhoht wurde. Die Formgebung des Unterwasserschiffes wurde nach den diesbezüglichen Arbeiten von H. Herrmann „Schwimmer and Flugbootskorper", Jahrbuch der WGL 1996, Seite 126, vorgenommen, soweit es nach den dort vorliegenden speziellen Ergebnissen möglich war unter Berücksichtigung neuerer Arbeiten (vergl. hierzu Seewald Ueber Schwimmer and Schwimmerversuche", Jahrbuch 1931 der DVL, Seite 3).
Die Flügelkonstruktion wurde vom ,Rhönadler" übernommen, nur entsprechend des großeren Rumpfgewichtes verstärkt. Einholmige Bauweise mit schwachem Leitholm and drehsteifer Flügelnase. Die Hauptholme beider Flächen werden miteinander in der Rumpfmitte zusammengeschlossen, während der Stirndruck and die Drehkräfte durch das Flügelschulterdeck an der Rumpfaußenwand abgesetzt werden. (Konstruktion ,Rhönsperber") Die Hauptbeschläge werden mit zwei in Flugrichtung liegen.den konischen Bolzen verbunden. Hauptholm-Rumpfzusammenschluß wird durch zwei im Rumpf and in Flugrichtung liegende Bolzen vorgenommen. Durch Spezialwerkzeug and gute Zugängigkeit der Anschlußstellen ist eine schnelle Montage mit wenig Männern möglich,
Im Bereich des Flügelknickes sind an verstärkten Rippen die Anschlußpunkte für die vier Stützschwimmerstreben vorgesehen. Die Flügelnase ist in einzelne Schotten and wasserdichte Räume geteilt, um eine möglichst große Schwimmfähigkeit bei Bruchlandungen zu gewährleisten. Es sind Beschläge fur das Einhängen von Heißtrops vorhanden, um ein Einsetzen ins- Wasser mittels Kran zu ermöglichen.

   
  Bei der Formgebung wurde weitgehend auf gute Start- and Landeeigenschaften Rücksicht genommen. Starke Kielung zur Vermeidung von harten Landestößen, Stufe hinter dem Schwerpunkt, um, ein einwandfreies Abwassern zu erreichen, durch die starke Kielung and einen engen Spantabstand besonders im Bereich der Stufe and längsschiff laufenden Dreikantleisten konnte die Bodenbeplankung verhältnismäßig dünn gehalten werden. Die Wasserdichtigkeit and Schutz der Außenhaut des Unterwasserschiffes wurde durch mit Klebelack aufgezogenen Stoff erreicht, der dann nach mehreren Spannlackanstrichen lackiert wurde. Das Boot hat während der ganzen Versuche keinen Tropfen Wasser gezogen (blieb such teilweise nachts auf dem Wasser liegen). Vorsichtshalber sind sämtliche Spante im Bereich des Bodens mit Ablauflöchern versehen, so daß eindringendes Wasser an der Stufe zusammenlaufen and mit einer Handlenzpumpe ausgepumpt werden kann. Durch eine unter dem Boden aufgesetzte Kufe können auch Landungen auf Land vorgenommen werden, Den Straakplan des Rumpfes zeigt die Abbildung.
Fur die Manövrierfähigkeit ist ein kleines Wasserruder vorgesehen, welches mit dem Seitenruderantrieb direkt gekuppelt ist. Die Formgebung des Ueberwassersehiffes ist auf geringsten Widerstand abgestellt. Der Schwanz ist hochgezogen, um einerseits ein Festsaugen beim Rollen zu verhindern and andererseits das Hohenleitwerk aus dem Spritzwasser herauszubekommen. Der Uebergang zwischen Rumpf and Flügel ist aerodynamisch hochwertig ausgebildet, um Abreißerscheinungen auf ein Mindestmaß herabzusetzen.
Der Führerraum ist durch die breite Rumpfform geräumig and ohne geschlossene Führerkopfverkleidung. Der geteilte Lukendeckel kann durch einen Griff geöffnet werden, was besonders im Hinblick auf Bruchlandungen auf Wasser erforderlich ist.
Die Stützschwimmer sind ähnlich wie ein Segelflugzeugrumpf aufgebaut. Sie haben einen Inhalt von 80 l. Bei der Formgebung wurde auf geringen Luftwiderstand geachtet, jedoch so ausgeführt, daß beim Eintauchen der Schwimmer während des Rollens
genügend dynamischer Auftrieb erzeugt wird. Am Flügel wurden die Schwimmer mit vier Streben aus Profilrohr aufgehängt.
Das Rüstgewicht des „Seeadler" beträgt 240 kg. Bei Berücksichtigung der bei einem Flugboot erforderlibhen zusätzlichen Gewichtsaufwendungen wie Stützschwimmer, Stützschwimmerstreben, entsprechende Verstärkungen am Flügel, breites Flugboot, starke Bodenbeplankung usw. liegt das Gewicht noch in normalen Grenzen. Spannweite 17,36 m, Flächeninhalt 18 m2, Rumpfbreite 1,10 m, Flächenbelastung 18 kg/m2.
Die Flugerprobung des „Seeadler" wurde in Darmstadt von den Piloten Wiegmeyer and Hanna Reitsch durchgeführt. Ueberraschend war die sehr gute Wendigkeit des Flugbootes, besonders im Kurvenwechsel, da erwartet wurde, dab der übertrieben starke Knick die Wendigkeit beeinträchtigen würde. Die durch die Schwimmer erwartete Beeinflussung der Kurveneigenschaften trat nicht ein. Es konnte mit der vollständigen Ausrüstung das normale Kunstflugprogramm durchgeflogen werden. Durch die über Erwarten guten Flugeigenschaften ist das Flugzeug nicht nur für Wassersegelflüge verwendbar, sondern kann auch normal im Hang- and Platzbetrieb eingesetzt werden.
Genauere Angaben über die Flugleistungen können noch nicht gemacht werden, da die Messungen erst in den nächsten Wochen vorgenommen werden. Bei der Flugerprobung am Bodensee zeigte sich jedoch, daü die Flugleistungen recht gut zu sein scheinen, da Hanna Reitsch im November bei vollig bedecktem Himmel mit Wolkenaufwind längere Zeit mit Höhengewinn segeln konnte.
Die ersten Versuche mit dem „Seeadler" auf dem Wasser wurden im September am Chiemsee im Schlepp eines Rennmotorbootes, welches von Major Braun zur Verfügung gestellt and bei den Versuchen geführt wurde, vorgenommen. Das Motorboot war jedoch zu langsam, um den „Seeadler" zum Abwassern zu bringen. Weitere Versuche mit Umlenkrolle, auch direktem Windenschlepp, führten zu. keinem Ergebnis.
Im November wurde die Erprobung am Bodensee fortgesetzt. Die Unterbringung des „Seeadler" erfolgte in Dornier-Metallbauten, die die Arbeiten der Expedition weitgehend unterstützt haben. Auch hier wurde mit einem Motorboot geschleppt, and zwar dem Maybachboot ,Donnerwetter" unter Führung von Dipl.Ing. Schobinger. Der „Seeadler" wasserte einwandfrei ab bei 58 km/Std. Schwierigkeiten machte, wie auch bei den Flugzeugschlepps, die Schleppseilfrage. Bei Verwendung von zu langen and zu schweren Seilen hängt das Seil auch noch nach dem Abheben des Flugbootes im Wasser. Dieser Durchhang erzeugt einerseits einen sehr starken Widerstand, riß verschiedentlich das Segelflugzeug wieder ins Wasser and führte auch zum Reißen des Schleppseils, als dann das Seil austauchte and ruckartig straff wurde. Als brauchbare Schleppseillänge haben sich 80 m von ca. 3 mm Ø ergeben.
Für die Flugzeugschleppversuche am Bodensee stellte die Miva (Missionaverkehrsgesellschaft Aachen) ihr Amphibium Do 12 ,Libelle" mit ihrem Chefpiloten Jos. Gertis zur Verfügung. Nachdem vorher die Seilschwierigkeiten behoben waren, gingen die Schleppstarts ohne Schwierigkeiten klar. Bei den Versuchen ergab sich, daß die Stufe des Flugbootes zu wait vorne lag, der Rumpf saugte sich hinten fest. Eine Verlängerung and geringe Erhohung der Stufe ergab einwandfreie Starteigenschaften. Bei 40 km/Std. ging der Seeadler" auf Stufe, um bei 58 km/Std. abzuwassern. Start- and Rollversuche bei starkem Seegang, bei dem die „Libelle" schon durch Unterschneiden der Stützschwimmer and starke Wasserübernahme Schwierigkeiten zeigte, konnten mit dem Segelflugboot ohne Schwierigkeiten durchgeführt werden. Unterstützt wurde die Seetüchtigkeit des „Seeadler" durch die schon bei ganz geringen Geschwindigkeiten (10 big 15 km/Std.) gut wirksamen Quer- and Wasserruder. Es konnten bei starkem Wellengang and 12-14 m/sek Wind enge Kurven auf dam Wasser gerollt werden, ohne daß das Flugboot ausbrach oder die Flügelenden unterschnitten. Bei Wellengang erfolgte das Anwassern weich and ohne Stöße.
Bei sämtlichen Versuchsflügen am Chiemsee and Bodensee wurde das Segelflugboot „D-Seeadler" von Hanna Reitsch geführt. Entwurf and Konstruktion des „Seeadler" wurde von Hans Jacobs, der auch die Versuche am Chiem- and Bodensee leitete, angefertigt. Den Bau das Flugzeuges hatte nach den Zeichnungen des DFS der Flugzeugbau Schleicher, Poppenhausen, durchgeführt.